Der Fluss

„Meister, warum verlassen wir das Haus? Lehrt Ihr mich heute nichts?“

Doch der Meister hat die Schwelle schon hinter sich gelassen und so schließt sich der Schüler den unbeirrten Schritten seines Lehrers an.

„Seht Ihr nicht die dunklen Wolken, Meister? Warum haben wir das Haus verlassen?“ Doch ohne sich umzusehen, folgt der Meister weiter dem gewundenen Pfad hinunter zum Fluss. Zweifelnd folgt der Schüler.

„Es beginnt zu regnen, Meister.“ Als hätte er nichts gehört, setzt dieser seinen Weg zum Fluss fort. Widerstrebend folgt der Schüler, bemerkt denn der Meister den Regen gar nicht? Friert er denn nicht? Er muss doch genauso nass werden wie ich, wundert sich der Schüler. Doch am Fluss angekommen, lässt sich der Meister nieder, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen halb geschlossen. Frierend, zweifelnd, die Augen auf den Meister gerichtet setzt sich auch der Schüler.

„Meister, mich friert.“

Den Blick mehr nach innen als nach außen gerichtet, deutet der Meister auf das Wasser und lässt sich vernehmen:

„Sieh nur, der Fluss.“

Dem Wink des Meisters folgend, blickt der Schüler über das Wasser, starrt in das Wasser. Der kalte Regen läuft ihm über das Gesicht, in die Augen, lange schaut er und versucht zu erkennen. Schließlich wischt er sich das Wasser aus den Augen und blickt hinüber zu seinem unberührt dasitzenden Lehrer. Warum spürt der Meister die Kälte nicht, ist doch sein Gewand, sein Haar genauso nass wie meins?

„Meister, wann kehren wir zurück ins Haus?“

Wieder, fast ohne sich zu rühren, deutet der Meister über den Fluss:

„Sieh nur, das Schilf.“

Angestrengt betrachtet der Schüler das Schilf auf der anderen Seite des Flusses. Immer tiefer drückt es der Wind, immer kälter durchdringt der Wind das einfache Gewand.

„Meister, seht Ihr nicht, wie der Wind immer stärker wird?“

Immer noch den Blick mehr nach innen als nach außen gekehrt, lässt der Meister nicht erkennen, ob er die Sorgen seines Schülers vernommen hat. Mit seiner Hand auf die Mitte des Flusses deutend, bricht der Meister dann sein Schweigen:

„Der entwurzelte Baum treibt im Strom.“

Da endlich war der Schüler bewegt und verstand.

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5 Kommentare zu “Der Fluss

  1. In irgendeiner Weise reinnerte mich deine Geschichte am Anfang an eine Fabel, nur ohne Tiere, aber dennoch an eine.
    Ich fand am Anfang das deine Kurzgeschichte, zu schlicht sein, um mir wirklich zu gefallen, doch das hat sich geändert. Ab der Mitte habe ich mich selber gefragt, was nun der „Meister“ seinem „Schüler“ beibringen will. Ich kam im Endeffekt auf einen ähnlichen Schluss den du beschriebst.
    Das Thema, was du ansprichst, sollte sich jeder zu Herzen nehmen. Nicht nur blind alles ansehen und alles ignorieren. Man muss versuchen zu erkennen um Sachen besser zuverstehen.

    Ich hätte persönlich die Kurzgeschichte schon beim “Der entwurzelte Baum treibt im Strom.” enden lassen, um den Leser mehr und zum selbstständigen Denken anzuregen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Echo

  2. Vielen Dank für Deinen Kommentar! 🙂

    In der Tat hatte ich selbst eine Art Fabel im Sinn, als mir die Idee zu dieser kurzen Geschichte kam. Auch deshalb habe ich bewusst so schlicht formuliert. Schön, dass Du sie ganz gelesen hast! 🙂

    Über das Ende habe ich in der Tat nachgedacht, ich war mir selbst nicht sicher, fand es dann auch fast etwas zu plakativ. Andererseits war ich mir durchaus nicht sicher, wie verständlich die Geschichte ohne die Auflösung ist.

    Künstlerischer ist sie sicherlich ohne die Präsentation „meiner Lösung“.

    LG, Christian.

  3. Ich habe es jetzt geändert, ich denke jetzt auch, dass es so besser ist. 🙂

    Danke und liebe Grüße, Christian.

  4. Auf der Suche nach Deinem Artikel ‚Tagesränder‘ (den Du offensichtlich gelöscht hast?) stieß ich auf diese kleine Geschichte.
    Schade, dass ich sie nicht früher entdeckt habe, so weiß ich gar nicht, worüber Du und nachklang sprecht…
    Macht aber nüscht 🙂

    Meine Frage mag für Dich und für alle anderen auf diesem Gebiet ‚Geübten‘ dumm und naiv erscheinen, aber wie heißt es doch so schön in der Sesamstraße: „Wer nicht fragt bleibt dumm.“
    Also frage ich 🙂

    Warum läuft diese Geschichte unter ‚Prosa‘? Wegen des ‚versteckten‘ Sinns?

    • Das Ende, das ich nun gestrichen habe, hätte ich gleich in die Kommentare aufnehmen können, danke also für Deine Anregung, liebe Petra:

      „Da endlich war der Schüler bewegt und begriff. Um zu lernen, muss man sich Erfahrungen aussetzen, sich berühren lassen, doch trotz seiner bewegten Oberfläche fließt ein Fluss in der Tiefe ruhig dahin. Das Schilf beugt sich ohne zu brechen dem Wind, der auch die Wolken wieder zerstreut und nur wer wahrhaft frei ist, treibt sicher in der Mitte des Stromes des Lebens.“

      Ähm, die läuft unter Prosa, weil ich das für Prosa halte, also für erzählten Text, nicht gedichteten.

      Und ja, ich habe einiges gelöscht, weil ich mich von Vergangenem trennen wollte. Nun merke ich natürlich, dass das mehr mit meinem Kopf zu tun hat, als mit Äußerlichkeiten, um die es nun vielleicht schade ist.

      Danke für Deine Fragen und Deine Kommentare! Schön, wenn hier immer mal wieder gelesen wird! 🙂

      Liebe Grüße, Christian.

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